PDie spiritistische Bewegung

Der Spiritismus – Bewältigungsstrategie oder moderner Gegenimpuls

Sämtliche Darstellungen des Spiritismus verorten den Beginn der Bewegung bei den Geschwistern Fox im Bundesstaat New York. Im März des Jahres 1848 vernahmen die zwölf- und fünfzehn Jahre alten Geschwister Catherine und Margarette Fox Klopfgeräusche. Mit Fingerschnipsen und Klopfen konnten die Beiden daraufhin sogar mit dem Phänomen Kontakt aufnehmen. Zunächst imitierte dies die Geräusche der Schwestern bloß. 1 Später vereinbarte man einen Ja-Nein-Code, der eine Kontakt mit der Erscheinung ermöglichte. Frau Fox [. . .] fragte ferner, ob es ein Geist sei, und wenn dem so sei, so soll er dieß durch zwei starke Schläge bestätigen. Die Schläge erfolgten. So zitiert Bauer eine zeitgenössische Schilderung der Ereignisse im Hause Fox. Später gibt sich der Geist als ein verstorbener Kaufmann zu erkennen, der einst in dem Haus wohnte. Die Kinder erweiterten das Spuk-Programm um weitere Geräusche und physikalische Phänomene. Kraus übernimmt in seiner Darstellung die Angabe, Besucher der Hauses seien während der Kontaktaufnahmen an der Kleidung gezupft worden. Am Ende entlarven skeptische Beobachter die Tricks der Mädchen, die etwa mit Finger- und Fußgelenken die Geräusche hervorbrachten.
Dennoch fand eine öffentliche Demonstration des Geisterkontaktes ein enormes Echo in den Medien. 2 Rasch stießen die Fähigkeiten der Schwestern auf noch größere Resonanz.

Dieses Initialereignis gilt als die Geburtsstunde des Spiritismus, da sich von ihm aus, eine mächtige soziale Bewegung entwickelte. Es wurde in Medien unmittelbar aufgenommen und sofort, ohne kritische Prüfung, als tatsächlich gelungener Kontakt mit der Geisterwelt verstanden. Selbst kritische Berichte konnten die Dynamik der entstandenen Glaubenslehre nicht mehr hemmen: Um 1855 bekannten sich, bei einer Gesamtbevölkerung von 28 Millionen Menschen, eine Millionen Amerikanischer Bürger als gläubige Spiritisten, die von der Realität des Kontaktes mit Geistern ausgingen. 3
Linse verortet den Initialpunkt des deutschen Spiritismus, der allerdings prozentual niemals die Ausdehnung des nordamerikanischen aufwies, in Bremen. Dort bekam eine Dame der bürgerlichen Oberschicht einen Brief von ihrem Bruder, der sich in New York als Händler niedergelassenen hatte. Die Nachricht beschrieb die Praxis des Tische-Rückens, die sich in den Vereinigten Staates als fester und besonders aussagekräftiger Bestandteil der Geister-Kontakte etabliert hatte. Man begann in der Bremer "feinen" Gesellschaft daraufhin, motiviert durch ein Gemisch aus Neugier und skeptischer Gläubigkeit, die in dem Brief beschriebene Sitzung auszuführen. Und tatsächlich schwebte der Tisch. Doch die europäisch-spiritistische Tradition bekam, ebenfalls von diesem Ereignis ausgehend, bereits eine andere thematische Konnotation.

Das geist-revolutionäre Großereignis von 1848 fand also seine Nachahmer in der "Gesellschaft", in der guten Gesellschaft des deutschen Besitz- und Bildungsbürgertums: Gelehrte, Naturforscher, Ärzte, Lehrer bestätigten ebenso die von ihnen gespürte geheimnisvoll galvanomagnetische Kraft, das in der Menschenkette spürbar werdende Fluidum

Der Spiritismus verbindet sich in Deutschland, anders als im us-amerikanischen Spiritismus, schon früh mit spezifischen physikalischen Erklärungsmustern. Zudem ist die spiritistische Praxis von Beginn an eine Sache der gebildeten Oberschicht. Das sind wichtige Unterschiede zum amerikanischen Spiritismus, der hauptsächlich eine religiöse Bewegung war.

Warum entwickelte sich der Geisterglaube zu einer so mächtige Massenbewegung?
James Webb sieht die Gründe dafür in einer profunden Desorientierung der Menschen. Die Durchdringung des Lebens von den angewandten Naturwissenschaften, die weiter fortschreitende Industrialisierung und als auslösendes Moment die europäischen Revolutionen 1848 lösten eine Bewusstseinskrise aus. Althergebrachte Autoritäten und Werte verfielen. 4

Security, mental, psysical, financial, and spiritual seemed menaved on every side. In order to life a tolerable life, some form of mental adjustment hat to be made. 5

Die Antwort, der Anpassungsprozess sei ein escapism, ein Flight from reason gewesen, eine Flucht in den Irrationalismus, den er mit einem psychosozialen Gegenimpuls zum Rationalismus der Industrialisierung und Naturwissenschaften begründet.

Linse wendet gegen diese Erklärung ein, dass der Spiritismus auch als religiöse Erneuerung verstanden werden könne. Oder wie Rabe es formuliert: Die spiritistische Euphorie kann und muss wohl als Bewältigungsstrategie gedeutet werden, in der man den zunächst unfassbaren, Umbrüchen versucht, mit älteren kulturellen Mustern beizukommen.
Kennzeichnend scheint mir auch die Verbindung dieser alten kulturellen Muster, zu denen auch der Geisterglauben gehörte, mit moderner Wissenschaftlichkeit. Man unterlegt und gründet die Geistererscheinungen mit physikalischen Erklärungsmustern. Als eines der prominentesten lässt sich der der Mesmerismus ausmachen, in dem von der Existenz eines alles durchdringenden magnetischen Weltagens, eines Lebensstroms, ausgegangen wird.

Verständnis für die Umwälzungen der Zeit – das bietet der Spiritismus auf diese Weise in der Verbindung von Rationalität und irrationalem Bedürfnis seinen Anhängern. So kann er Antworten auf Fragen geben, bei denen die Religion, deren Erklärungsanspruch immer mehr zurückgeht, bislang Erklärungsmuster stellte. Und wie Religion bietet die Möglichkeit des Kontaktes mit Verstorbenen Trost. Dieses individuell-psychische Moment verbindet sich mit der Möglichkeit, in die Geisterwelt auch soziale Visionen und die Vorstellung idealer Gesellschaftsverfassungen hineinzuprojezieren. Linse sieht dies mit der großen Verbreitung des Spiritismus in der Arbeiterschaft belegt, die die Geisterwelt als sozialistisch geprägt auffassen. 6 .

1 Bauer, Eberhard: Spiritismus und Okkultismus. In: Henderson, Linda und Loers, Veit: Avantgarde und Okkultismus: von Munch bis Mondrian 1900 - 1915, 1995, S., S. 65
2 ebenda, S. 65
3 Linse Ulrich: Geisterseher und Wunderwirker. Heilssuche im Industriezeitalter. Frankfurt a.M. 1996, S. 55
4 ebenda, S. 10
5 Webb, James: The Occult Underground. La Salle 1974, S. 9f
6Dazu auch: Bauer, Eberhard: Spiritismus und Okkultismus. In: Henderson, Linda und Loers, Veit: Avantgarde und Okkultismus: von Munch bis Mondrian 1900 - 1915, 1995, S., S. 66
Erstellt am: 17. März 2004, generiert: 17:01 Uhr. Ver: 0.9 Valid: XHTML | CSS