P[Quellen]::Fotografien bei paranormalen Phänomene

Geisterfotografie, fotografische Beweise, mediumistische Fotografie

Sammlungen transzendentaler Fotografien vereinen bislang Bilder, die allein ihr verstörender Charakter eint. Die Geisterbilder Mumler stehen neben Fotos von Séancen, Gedankenfotos und der Krilian-Fotografie 1 .
Systematische und geschlossene Abhandlungen gibt es nur wenige. Sie stammen zudem meist aus einer bestimmten Tradition: So scheint mir Gettings ein moderner Spiritist zu sein. Er setzt voraus, dass ein Teil der Geisterfotografien gefälscht und durch technische Trickserei erzeugt wurde, es zugleich jedoch einen Bereich authentischer Geisterbilder gibt. Seine Argumentation funktioniert über Ausschluss: Er bettet die Bilder in Geschichten, die als logisches Ende nur die Einwirkung von Geistern auf die Fotografien zulassen. Krauss und Cyrill stießen bei fotohistorischen Arbeiten auf das Thema. Während Cyrill jedoch auch vom real-physikalischen Einfluss supernormaler, wie er einleitend schreibt, menschlicher Fähigkeiten ausgeht, stellt Krauss die Phänomene exakter nach den Quellen dar, ohne eine ausgeprägte argumentative Richtung zu haben. Es veruscht den Zeugnissen gegenüber eine neutrale Haltung einzunehmen.

Das jeweilige Vorgehen der Autoren bedingt auch deren Einteilung der Phänomene: Cyrill etwa trennt jene Fotografien, die übernatürliche Phänomene bloß aufzeichnen, von jenen, die unter direktem Einfluss übernatürlicher Kräfte auf das fotografische Material entstanden sind. Gemeint ist die chemische Veränderung der fotografischen Schicht durch andere Kräfte als das Licht allein. Zudem, so Cyrill weiter, müsse man diese beiden Felder weiter unterteilen. Und zwar abhängig von ihrem Entstehen: Zeigen die Bilder spontane Phänomene, die zufällig aufgezeichnet wurden oder entstanden sie in einem kontrollierten Experiment-Umfeld. Aus der Kreuzung dieser beiden Unterscheidungen ergeben sich vier Felder.
Krauss hingegen orientiert sich an der zeitgenössischen Theorie. Er beschreibt zwei Stränge der supernormalen Fotografie, die Fotografie von Strahlenphänomenen und die mediumistische Fotografie. In die erste Kategorie fallen all jene Bilder, deren Zustandekommen dem Einfluss von Strahlenkräften zugeschrieben werden. Hier verortet er sowohl den fotografischen Nachweis der Od-Strahlung – diese nach dem Gott Odin benannte Strahlung spielte bei der Erklärung zahlreicher Phänomene eine Rolle –, als auch die Gedankenfotografie. Bei dieser ging man davon aus, dass eine Abstrahlung des Gehirns einen Film beeinflussen könne.
Die Kategorie mediumistische Fotografie wird dadurch bestimmt, dass die Erscheinungen stets dem Zutun eines menschlichen Mediums bedurften. Dessen Leistungen bestimmten das fotografische Bild. Dasjenige, wozu das Medium in der Lage war – die Präsenz eines Geistes auf dem Film sichtbar machen, Tische zu levitieren oder Ektoplasma hervorzubringen –, bestimmt die Kategorie des Bildes.

Ich folge Krauss mit dieser Einteilung im Wesentlichen, insofern, als dass ich den fotografischen Nachweis von Strahlenphänomenen in dieser Arbeit nicht betrachte. Im Hinblick auf die mediumistische Fotografie allerdings, meine ich, dass es kritisch ist, die von Krauss behandelten Phänomene in eine Kategorie zu pressen. Dies verdeckt zu zahlreiche historische und medientheoretische Unterschiede.
Tatsächlich weist Krauss den Geisterfotografen Mumler und den okkulten Forscher Crookes und in der späteren Folge auch Schrenck-Notzing einem historischen Strang zu. Das planiert die Differenzen der Fotografien.

Neue Abgrenzungen

Ich trenne hier daher aus analytischen Gründen das Gebiet nochmals auf. Krauss beschreibt, dass die zeitgenössische Betrachtung der paranormalen Fotografie zunehmend unter wissenschaftlichen Vorzeichen stattfindet. Es verändern sich jedoch auch die Formen der Bilder. Zwar gibt es noch in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts Bilder vom Typus der ätherischen Geisterwesen, wie Mumler sie produzierte. Bei der Erforschung okkulter Phänomene allerdings dient die Fotografie der Dokumentation. Die "Geister" werden gegenständlich. Aus der medientheoretischen Perspektive dieser Arbeit heraus formuliert: Der Ort der Geister verändert sich. Die übernatürlichen Phänomene werden nicht mehr in der Kamera hervorgerufen. Sie ist nicht mehr das empfindliche Gerät, dass einen Blick in die Geisterwelt erlaubt. Das Erscheinen übernatürlicher Phänomene ist nicht mehr an die Kamera gebunden. Die Phänomene finden allesamt außerhalb des Apparats statt. Sie sind für das Auge sichtbar. Dem fotografischen Apparat fällt die Aufgabe zu, das Gesehene intersubjektiv zu verifizieren.

Die drei hier ausgewählten Quellen sind typische Vertreter dieser beiden Kategorien: Mumler als Produzent "kamerainterner" Geister, Crookes und Schrenck-Notzing als Erforscher übernatürlicher Phänomene.

Aksakows fünf Kategorien der Materialisationen

Warum ist diese medientheoretische Trennung nötig?
Das Problem der Betrachtungen von Krauss ist, dass er die Quellen mit einem Begriffsinstrumentarium der zeitgenössischen paranormalen Forschung angeht. Er zieht die vom russischen Schriftsteller Alexander Nikolajewitsch Aksakow entwickelten Rubriken zu einer Betrachtung heran. Der Spiritist ist uns bereits bei der Kontroverse zwischen ihm und dem Philosophen Eduard von Hartmann begegnet (Vergleiche Kontroversen).

Seine fünf Rubriken unterscheiden sich in ihrer Beweiskraft für den Nachweis übernatürlicher Phänomene und gliedern sich nach der Sichtbarkeit der Phänomene.

  1. Das Medium ist sichtbar, die Gestalt unsichtbar, aber wird fotografiert
  2. Das Medium ist unsichtbar, die Gestalt ist sichtbar und wird fotografiert
  3. Das Medium ist sichtbar, die Gestalt ist sichtbar und nur letztere wird fotografiert
  4. Das Medium ist sichtbar, die Gestalt ist sichtbar und beide werden fotografiert
  5. Das Medium ist unsichtbar, die Gestalt ist unsichtbar, nur letztere wird in der Dunkelheit fotografiert

Damit, meint Krauss, seien alle mediumistischen Phänomene erfassbar. Auch Mumler wird damit zu einem Medium: Die Rubrik 1. haben wir mit den Beispielen Mumler (sic!), Beattie und Wagner bereits abgehandelt. 2
Was Krauss unberücksichtigt lässt: Diese Rubriken sind Ergebnis eines Disputs, der 1889 und 1890 stattfindet und die spiritistische Geisterfotografie und ihre fotografischen Kniffe höchstwahrscheinlich bereits mit einbezieht. Zudem geht es hier nicht mehr um Abbildungen, um Bilder allein – der Diskussionsgegenstand sind die physikalischen Phänomene des Spiritismus. Hartmann und Aksakow streiten um das Zustandekommen von objektiv nachweisbaren Phänomenen, die sowohl für das Auge, als auch für die Kamera sichtbar sind. Mumler hier einzugemeinden, ist aus heutiger Sicht unangemessen.

1Bei dieser sollen unbekannte Kräfte und Energieströme mit Hilfe von Fotografischen Platten nachgewiesen werden. Das geschieht allerdings ohne Zuhilfenahme eines Apparats, der Lichtstrahlen auf diese lenkt.
2 Krauss, Rolf H.: Jenseits von Licht und Schatten: die Rolle der Photografie bei bestimmten paranormalen Phänomenen - ein historischer Abriß. Marburg 1992, S. 115
Erstellt am: 7. März 2005, generiert: 17:01 Uhr. Ver: 1.0 Valid: XHTML | CSS