P[Quellen]::Ein Markt für fotografische Geister

Der Spiritismus bildet in den folgenden Jahren die Grundlagen für eine großen Markt für Geisterfotografien. 1 Die Nachfrage erzeugt die massenhafte Produktion von Geisterbildern. Es entstehen spezialisierte mediumistische Dienstleister. Fotografen etwa konzentrierten sich darauf, Menschen mit ihre verblichenen Angehörigen zu porträtieren. Diesen Dienstleistern folgte ein Zulieferindustrie, die vorbelichtete fotografische Platten mit Geistern darauf anbietet oder Kameras produziert, die das Einbelichten von Extras, etwa durch einen zweiten Strahlengang neben jenem, der auf das Motiv gerichtet war, erlauben. Die Fotoamateure nehmen sich der Techniken an: In einschlägigen Periodika wird über die technischen Möglichkeiten berichtet. Man schreibt "do-it-yourself"-Anleitung zur Erzeugung realistischer Gespenster in Fotografien, die dazu etwa 200 Möglichkeiten beschreiben. 2 Eine davon war etwa der Geisterstempel. Beim Entwickeln des Positives wurde mit einer kleinen Lampe, die einen Einschub für geisterhafte Motivschamblonen vorsah, in der Dunkelkammer nachträglich das Extra aufbelichtet. 3 Betrug und die Leichtgläubigkeit der Spiritisten verbanden sich leicht zu einem erfolgreichen Geschäftsmodell.

Bild eines Seance mit physikalischen Phänomenen Abbildung 1: Fotografien mit Extras, zwischen 1920 und 1923. Entnommen aus: Loers, Reich der Phantome, Bildteil, Abbilung 58.
Die Durchsuchung von Buguets Atelier brachte das Geheimnis dieser Erfolge [besonders scharfer und gut sichtbarer Geister, A.R.] zutage. Sie wirft ein bezeichnendes Licht auf die einschlägigen Praktiken der Zeit. Man fand nämlich zwei mit Leichentüchern umhüllte Gliederpuppen, eine kleinere davon zur Darstellung von Kindergespenstern und zwei Kisten. In der einen Kiste befanden sich 240, in der anderen weitere 59 Köpfe, abgeschnitten von Photographien von Personen verschiedenen Geschlechts und Alters und auf Karton aufgeklebt. Es fanden sich auch eine [Totenkopf-, A.R.]Maske und falsche Bärte [. . .] 4

Mit diesen Requisiten drapierte man die Figuren und belichtete bei wenig Licht die fotografischen Platten vor; erzeugte auf diese Weise latente Bilder in der chemischen Schicht.
Die Empfangsdame des Ateliers von Jean Buguet, der 1875 nach der beschriebenen Durchsuchung wegen Prellerei zu einem Jahr Gefängnis und einer Geldstrafe verurteilt wurde, erhob von den Kunden genaue Daten zu den Verstorbenen. Fiel das Foto unzufriedenstellend aus, besserte Buguet nach – gegen eine Entschädigung von 20 Francs.

Anzunehmen ist, dass es sich bei diese Art von Geisterfotografie um eine Form der Populär-Kultur handelte, die weit verbreitet und Phasen steigendem und wieder abnehmendem Zuspruch unterworfen war. Ihr Verschwinden hängt stark auch mit der Konjunktur spiritistischer Deutungsmuster zusammen. Krauss weist etwa darauf hin, dass der Krieg 1914 die Aufmerksamkeit wieder auf das Diesseitige zurückbringt.
Bestimmt wird der Typus der produzierten Bilder, die in der Nachfolge Mumlers entstanden, durch ihre Erscheinung, wie ein Überblick erahnen lässt. 5
Neben den zumeist im Sitzen ab Taille oder Brust porträtierten Personen erscheint oberhalb (stets gut in die Bildproportionen eingepasst!) der Umriss der Geistergestalt, durch die hindurch das Hauptmotiv sichtbar bleibt. Die Geister haben längliche Form, oben ist ein Gesicht erkennbar, das in Formen übergeht, die sich wiederum mit der porträtierten Person verbinden. Dies ist gewissermaßen die prototypische Form, in der sich die Geister der Kamera präsentieren.

Aus medialer Perspektive ist es exakt anders herum: Dies ist die Form, in die Geisterbilder kodiert werden, um als solche erkennbar zu bleiben. Würden die Elemente (transluzierender Geist und Person) etwas anders angeordnet, etwa die Geisterform quer oder unterhalb der Person, wäre eine Geisterfotografie nicht mehr als solche erkennbar. Ich bezeichne sie wegen dieser relativ fest gefügten Form, die vor allem auf Pappkarten als Visitenkarten daherkamen, als Typus. Nimmt man die optischen Erscheinungen, nicht so sehr ihre jeweilige Entstehungszusammenghänge, in den Blick, finden sich in anderen Gebieten der paranormalen Fotografie nie so gleichartige Fotografien. Weiter: Seancen

1 Krauss, Rolf H.: Jenseits von Licht und Schatten: die Rolle der Photografie bei bestimmten paranormalen Phänomenen - ein historischer Abriß. Marburg 1992, S. 130
2 Fischer, Andreas: Ein Nachgebiet der Fotografie. In: Henderson, Linda und Loers, Veit: Avantgarde und Okkultismus: von Munch bis Mondrian 1900 - 1915, Ostfildern 1995, S., S. 25
3 Krauss, Rolf H.: Jenseits von Licht und Schatten: die Rolle der Photografie bei bestimmten paranormalen Phänomenen - ein historischer Abriß. Marburg 1992, S. 138
4 ebenda, S. 128
5Einen sehr materialreichen Einblick gibt das Buch Loers, Veit u.a.: Im Reich der Phantome: Fotografie des Unsichtbaren. Ostfildern-Ruit 1997.
Erstellt am: 17. März 2005, generiert: 17:01 Uhr. Ver: 1.0 Valid: XHTML | CSS