P[Quellen]::Die Geisterfotografie des William Mumler

Die Geister des William Mumler

Während der deutsche Arzt und Okkultist Albert von Schrenck-Notzing, wie wir gesehen haben (Argumentation), die Fotografie eher im Sinne eines intersubjektiven Beweises einsetzt und die problematische Offensichtlichkeit des fotografischen Mediums nutzt, um den Nachweis seiner Phänomene evident zu machen, begegnet uns zu Beginn der Geisterfotografie ein direktes Verhältnis von übersinnlicher Welt und Fotografie. Während sich Schrenck-Notzings Teleplasma auch für das Auge sichtbar manifestiert, sind die ersten Geister nur für die Kamera sichtbar – vielmehr sind sie direktes Produkt des technisches Apparats. 1

So steht am Anfang der Geisterfotografie die Weiterentwicklung optischer und chemischer Technik. Vor den ersten Berichten über Geister auf Fotos trat die Porträtfotografie ihren Siegeszug an, der auf einer verbesserten Handhabbarkeit der Fototechnik fußte. 2 Das ursprüngliche Verfahren, Lichteindrücke chemisch zu fixieren, war die Daguerroetypie. Dieses Verfahren funktionierte mittels einer lichtempfindlich Platte, die am Ende der Bildträger selbst war – ein so genanntes Positivverfahren. Die Kalotypie hingegen war bereits ein Negativ-Positiv-Verfahren, hatte jedoch vor allem noch den Nachteil einer langen Belichtungszeit. Erst das nasse Kollodiumverfahren machte Fotografie massentauglich. Und lieferte zugleich eine Voraussetzung für Geisterbilder. Das Negativ (belichtete Silberkristalle bleiben auf der Platte) nämlich fixierte man auf einer Glasplatte, die offenbar mehrfach Verwendung fand. Eine technische Panne bildete den Kristallisationspunkt der Geisterfotografie.

William Mumler, Selbstproträt Abbildung 1: Ein bekanntes Porträt, das William Mumler von Master Herrod fertigte. Die tranzluzierende Erscheinung hinter ihm soll sein losgelöster Astralkörper sein. So verrät die Beschriftung an der Veröffentlichung auf der Internet-Präsenz des American Museum of Photography.

Die Erzählung ist ein Klassiker und findet sich in jeder Darstellung: Am Sonntag den 5. Oktober 1861 besucht der Graveur William Mumler einen Freund, der in einem Bostoner Fotoatelier arbeitet. Der hatte ihn offenbar in die wichtigsten Arbeitsschritte der Plattenentwicklung eingewiesen. Mumler machte ein Bild von sich. Nach der Entwicklung zeigte es eine zweite Person, eine in Dunst gehüllte junge Dame. 3
Offenbar war dem erfahreneren Freund rasch klar, dass es sich um einen technischen Fehler handeln musste. Eine solche Doppelbelichtung war niemals zurvor auf einer Portraitfotografie zu sehen gewesen, aber offensichtlich erlaubte das Apparateprogramm deren Zustandekommen durchaus. 4

Ob aus einer spaßigen Laune heraus – Fischer zitiert Mumler mit: always ready for a joke, I concluded to have a little fun –, vom Opportunismus geleitet oder, wie Krauss andeutet, von einem Zeitungsbericht über einen abgelichteten Geist angeregt; Mumlers lanciert seine Fotografie in spiritistische Kreisen. 5 Er zeigt sie einem Freund, der dem Spiritismus anhängt und schnell davon überzeugt ist, dass es sich bei dem, was Rabe mit dem Wort "Dunst" bezeichnet, auf dem Foto um das Abbild einer Verstorbenen handelt. Von hier ausgehend nimmt die Spiritisten-Szene die "Erfindung" Mumlers begeistert auf. Schnell berichten sowohl Tageszeitungen als auch Szene-Blättern darüber. Was demonstriert, welchen Anklang die Möglichkeit fotographischer Rückblicke in die Totenwelt fand. Dabei bekamen die Zeitgenossen Mumlers die Fotografie erst 1871 zu Gesicht. Die Reproduktion von Bildern war technisch 1861 noch nicht möglich. Artikel wurden mit Holzschnitten, die nach Positiven gefertigt waren, illustriert.

Bild aus Schrenck-Notzing, Materialisationsphänomene, S. 378 Abbildung 2: Dieses Bild ist der Internet-Präsenz American Museum of Photography entnommen.

Diese schon symbolisch für die Geisterfotografie stehende Bild zeigte Moses A. Dow mit der Silhouette einer weiblichen Person, die nach zeitgenössischer Interpretation die verstorbene Freundin Mabel Warren ist. Von Mumler sind nach Angaben von Krauss keine Originale erhalten. Dieses als authentisch eingestufte Bild ist auch im Werk von Alexander Aksakow Animismus und Spiritismus, das 1919 erschien, abgedruckt. Krauss fand es auch in einem Buch über den Fortschritt der modernen Geisterfotografie von 1894.

Nachricht von Sam

Zu sehen sind die nebelhaften Spuren einer weiblichen Gestalt, die sich über die Figur Dows legen. Die Silhouette ohne eindeutig erkennbare Details neigt sich leicht Dow zu. Doch das Bild steht nicht für sich allein: Entscheidender als der Text des Bilder, also das was im positivistischen Sinne gezeigt wird, ist der Kontext des Bildes.
Die Freundin von Dow, deren Form man auf dem Fotos zu erkennen vermeint, starb kurz vor der Aufnahme. Der Zeitungsverleger Dow – er brachte das "Waverley Magazine" heraus – hatte noch vor der Aufnahme an einer spiritistischen Sitzung teilgenommen, in der seine verstorbene Freundin (sie waren drei Jahre zusammen) ihm ankündigte, sie würde sich zeigen. Dow solle sich von Mumler fotografieren lassen. 6 Damit ist Fotografie in einen festen Deutungsrahmen gefügt: Jede auch nur annähernd weiblich erscheinende Person, die als Extra auf dem Foto sichtbar wird, musste die jüngst verstorbene Freundin sein. Schon vor dem Besuch Mumlers ist eine Erwartungshaltung aufgebaut, die den Signifikationsprozess des Bildes präformiert.
Die spiritistische Tradition hatte die Fotografie als Medium entdeckt. Zu den uneindeutigen Klopfzeichen und Stimmen, mit denen sich die Geister in der realen Welt bemerkbar machten, gesellte sich nun das viel offensichtlichere Medium. Dabei fehlen den Geistererscheinungen wegen der Art ihrer technischen Produktion kennzeichnende Details – ihre Geisterhaftigkeit wird zum Problem. Dies wird im spiritistischen Diskurs mit der likeness gelöst, was bei Fred Gettings Betrachtungen deutlich wird: Stets drehen sich die seine Schilderungen der Geisterfotografien um die Versicherungen der Angehörigen, die Schemen hätten eine unbestreitbare Ähnlichkeit mit den Verstorbenen. Hier erweist sich die Deutungsmächtigkeit spiritistischer Diskurse, der sich Augenzeugen nur schwer entziehen können, da sie neben dem Text (dem eigentlichen Fotos) vor allem auch den durch die Vergeschichte gesetzten Bedeutungsrahmen kennen, der der Fotografie eine scheinbar eindeutig Bedeutung zuweist.

William Mumler, Selbstproträt Abbildung 3: Ein weiteres Beispiel der Arbeit Mumlers. Das Bild soll eine Frau mit ihrem verstorbenen Sohn zeigen; so die Beschriftung auf Internet-Präsenz des American Museum of Photography.

Mumler jedenfalls nutzte die Gelegenheit und den offensichtlichen Markt für Geisterfotografien. Er gründet 1869 ein eigenes Fotostudio in New York, das some of the most eminent people in the landfrequentierten. 7 Gesellschaftliche Aufmerksamkeit sicherte ihm unter anderem die Witwe des kurz zuvor ermordeten Präsidenten Abraham Lincoln. Ihr Porträt, das zu heute zu den prominentesten Bildern Mumlers gehört, zeigt "erkennbar", wie Gettings schreibt, das Konterfei des Präsidenten. 8 In der spiritistischen Logik macht es offenbar die tragische Ermordung des Präsidenten umso wahrscheinlicher, dass er Kontakt zu seiner Witwe sucht.

Die Unternehmung des ehemaligen Graveurs scheitern jedoch etwa zehn Jahre nach ihrem Start. Mumler wird wegen Betrugs vor Gericht gestellt und verurteilt. Er starb in ärmlichen Verhältnissen. Zwischenzeitlich jedoch entpuppte sich die Geisterfotografie als einträgliches Geschäft; Cyrill zufolge verlangte Mumler bis zu 10 Dollar für ein Bild mit verstorbenen Angehörigen. Ein Hinweis für das große Bedürfnis nach tröstendem Kontakt zu den Verstorbenen und das Verlangen nach Irrealität.

Eine Reihe von Geisterfotografie Abbildung 4: Eine Reihe von Geisterfotografien, die sich durch ihre recht fest gefügte Form auszeichnen. Das Bild rechts unten (Abbildung Nummer 51) fertige William Mumler. Entnommen aus: Loers, Reich der Phantome, Bildteil, Abbildung Nummer 46 - 51.
1 Rabe, Beate: Für eine Dämonologie der Fotografie. In: Schmitt, Julia u.a.: Fotografie und Realität. Fallstudien zu einem ungeklärten Verhältnis, Opladen 2000, S.89-122, S. 92
2Dazu Krauss, Rolf H.: Jenseits von Licht und Schatten: die Rolle der Photografie bei bestimmten paranormalen Phänomenen - ein historischer Abriß. Marburg 1992, S. 103. Dieser Tage würde man bei der Porträtfotografie wohl von der "Killer-Applikation" der fotografischen Technik sprechen.
3 Rabe, Beate: Für eine Dämonologie der Fotografie. In: Schmitt, Julia u.a.: Fotografie und Realität. Fallstudien zu einem ungeklärten Verhältnis, Opladen 2000, S.89-122, S. 99
4 ebenda, S. 99
5 Fischer, Andreas: Ein Nachgebiet der Fotografie. In: Henderson, Linda und Loers, Veit: Avantgarde und Okkultismus: von Munch bis Mondrian 1900 - 1915, Ostfildern 1995, S., S. 507
6Vergleiche: Krauss, Rolf H.: Jenseits von Licht und Schatten: die Rolle der Photografie bei bestimmten paranormalen Phänomenen - ein historischer Abriß. Marburg 1992, S. 103, Fußnote 236
7 Cyril, Permutt: Beyond the spectrum. A survey of supernormal photography. Cambrigde 1983, S. 13
8 ebenda, S. 25
Erstellt am: 17. März 2005, generiert: 17:01 Uhr. Ver: 1.0 Valid: XHTML | CSS