Nachkontrolle negativ
Wie gesehen (Fotografie als evidenter Nachweis) konzentriert sich Schrenck-Notzing darauf, die Existenz der Materialisationsphänomene evident nachzuweisen.
Dazu versucht er, das Umfeld der Versuche zu kontrollieren und so vor allem dem Betrugsvorwurf vorzubeugen. Entgegen der spiritistischen Tradition, der ja vornehmlich am Erlebnis Séance gelegen ist, beschneidet er den Handlungsfreiraum des Mediums selbst und versucht im wahrsten Sinne des Wortes, die dunklen Ecken aufzuhellen.
Mit immer mehr Rotlicht möchte er immer mehr sichtbar machen. Das Medium wird zugleich immer strikter in ihrer spiritistischen Handlungsweise beschnitten. Nicht nur durch das Licht, auch durch das Festhalten ihrer Hände und das Öffenen des Vorhang.
Dabei wird dies immer wieder als ein schwieriger Abwägungsprozess beschrieben. Die Anwendung falscher Kontrolle können die Produktion der Phänomene verhindern.
1
Die Medien bräuchten bestimmte Bedingungen, um ihre mediale Leistungsfähigkeit zeigen zu können.
Sein Dilemma im Streit mit den Skeptikern ist, dass eben diese Bedingungen auch unzählige Möglichkeiten des Betruges eröffnen.
Dies ist der Grund, warum an so vielen Stellen die Möglichkeit der Taschenspielerei von vornherein ausgeschlossen wird. So nimmt Schrenck-Notzing dem Einwand der Kritiker, es handle sich um schlichten trickreichen Betrug, vorweg, Trickserei brauche Studium und Übung, über die Eva C. keinesfalls verfüge.
Doch konnte er beim Medium Eusapia, mit dem er Jahre zuvor zusammengearbeitet hatte, Taschenspielertricks nachweisen.
Charakteristisch für seine Strategien scheint mir hierbei der Begriff unbewußter Betrug zu sein. Das Medium wolle, da es sich ja in einem somnambulen Zustand befinde, nicht bewusst täuschen, sondern versuche vielmehr, angespornt von den unterbewusst(!) verspürten Erwartungen der Zuschauern, diese erfolgreich zu erfüllen. So gelingt es ihm, selbst handfeste Täuschungen noch als echte Phänomene aufzufassen.
2
Bei Eva C. finden sich niemals Spuren von Betrug. Die Protokolle der späteren Sitzungen schließt Schrenck-Notzing oft mit einem lakonischen Nachkontrolle negativ. Anfangs hatte sich noch die Mühe gemacht, alle unmittelbar nach Produktion der Phänomene gemachten Inspektionen aufzuzählen. Auf lange Sicht betrachtet entsteht der Eindruck einer gut eingespielten Dreier-Gruppe: Der Forscher bestimmt mit seiner Erwartungshaltung, was vor den Linsen der Apparate im Kabinett aufgeführt werden soll. Das Medium und ihre Beschützerin bemühen sich, unter Einhaltung (und Umgehung) der gesetzten Beschränkungen, die Erwartungen zu erfüllen. Am Ende stehen die Bilder von Phänomenen, die in der Argumentation verwendet werden können.
Argumentative Strategien
Betrachtet man das Ende des Werkes, so operiert Schrenck-Notzing vor allem mit Ausschluss von Erklärungen: Verfasser suchte die Klasse von Phänomenen nachzuahmen mit Hilfe von weißen Handschuhen. Die Bilder sehen ganz anders aus [. . .]. Den Vorwurf der Taschenspielerei weist er unter Hinweis auf mangelnde Erfahrung der Eva C. zurück. Zudem dienen die gesamten Protokolle mit ihren steten Hinweis auf die negativen Nachkontrollen, dazu, die Möglichkeit, das die Erscheinungen mit diesseitigen Mitteln erzeugt sind, kategorisch auszuschließen. Die explizite Beschreibung einer Untersuchungsmethode dient ebenfalls hauptsächlich diesen Zweck.
Menschliche Fehlwahrnehmung und optische Täuschung verneint der Okkultist mit Hinweis auf die Fotografien und Stereoskopien.
Zwei kritische Ärzte stellen die Ruminationshypothese auf. Das Medium habe die Erscheinungen mit Hilfe von dünnen Papieren und Stoffen erzeugt, mutmaßen die Skeptiker, die im Magen in das Kabinett geschmuggelt und dort hochgewürgt worden seien.
Der Okkultist gibt daraufhin dem Medium Blaubeerkompott zu essen. Eine Färbung des Plasmas bleibt aus. Schrenck-Notzing faltet dünne Stoffe (Chiffonseide) und Papiere (Japanpapier), um festzustellen, dass ihre Volumen zu groß ist, als das es bei den Kontrollen unentdeckt bliebe.
So arbeitet er sich an den verschiedenen Verdachtsmomenten ab, um letztlich sie möglichst vollständig zu entkräften. Dies tut er in Voraussicht der Einwände, die gegen seine Versuchsreihen erhoben werden, womit er indirekt seine Erfahrung bei den Kontroversen der Okkultisten mit den Skeptikern demonstriert. Letztlich könnte man seine argumentative Strategie als eine Abduktion beschreiben.
3
Sie leitet von bestimmten Anzeichen das Vorhandensein der vorab postulierten dinglichen Erscheinung ab. Zusammenfassen lässt sich ein Vorgehen bei den Materialisationsphänomenen etwa so:
'You will not apply my precept,' he said, shaking his head. 'How often have I said to you that when you have eliminated the impossible, whatever remains, however improbable, must be the truth? We know that he did not come through the door, the window, or the chimney. We also know that he could not have been concealed in the room, as there is no concealment possible. When, then, did he come?',
4
Dieser Ausspruch des großen Detektivs Sherlock Holmes charakterisiert Schrenck-Notzing Strategie zur Erlangung von Evidenz wohl am besten.
5
. Sir Arthur Canon Doyle, Schöpfer des bekannten Detektivs, war Vorsitzender des bereits erwähnten Society for Psychical Research, die sich etwa zehn Jahre zuvor der Erforschung okkulter Phänomene widmete. Doyle selbst kann durchaus als überzeugte Okkultist bezeichnet werden. Er war prominentester Verfechter der Authentizität von Feen-Fotografie, die 1917 nahe dem englischen Bradford gemacht wurden.
6
|
|