P[Quellen]::Schrenck-Notzing: Erforschung des Übernatürlichen

Schrenck-Notzings Experimente zum physikalischen Mediumismus

In 1914 erschien eines der Hauptwerke Schrenck-Notzings, das Buch Materialisationsphänomene. Es löste eine heftige öffentliche Reaktion aus, die sich vor allem auf zwei Effekte gründete. Der Münchner praktische Arzt verstand es offenbar, sich in den Zeitungen und Zeitschriften gut zu positionieren und verfügte über ein weit reichendes Netzwerk. 1 Loers zeigte auf, dass er über Kontakte zur künstlerischen Avantgarde in München verfügte. 2 Auch gehörte der Arzt zu den Kreisen Wohlhabender und einer Elite der Stadt. Vor allem die Heirat mit einer reichen Industriellen-Tochter, der reichsten Erbin Württemberg, wie Albert Moll schreibt, sicherte ihm den Zugang zur High-Society und ihn so zugleich finanziell ab. Dies ist eine der wichtigsten Vorbedingungen für seine Arbeit, da er so über Räume und Mittel verfügte, um seine Untersuchungen durchführen zu können. 3 Bauer weist darauf hin, dass die spiritistische Forschung in England, namentlich von der Society for Psychical Research vor allem von betuchten Amateuren getragen wurde. In Deutschland fehlte ein derartiger Kreis finanziell abgesicherter Träger, die sich den Luxus des okkultistischen Hobbys leisten konnten, weitgehend mit einigen Ausnahmen wie Schrenck-Notzing. 4

Zum Zweiten aber, was wohl der bedeutendere Grund für die heftige und breite öffentliche Reaktion auf das Werk war, trat Schrenck-Notzing mit wissenschaftlichem Anspruch auf. Welche kontroversen Reaktionen dies auslöste, verusche ich kurz in Kontroversen nachzuzeichnen. Es ging ihm vor allem um die objektive Feststellung der von ihm beschriebenen Phänomene, wobei die Fotografie einen großen Anteil hatte. 5 Schrenck-Notzing wendet sich in seiner Einleitung explizit gegen die spiritistische Tradition; sie sei nicht wissenschaftlich exakt. 6 Damit gerät er in eine logisch prekäre Situation, was ihm bewusst ist. Denn er kann, um den Nachweis der Phänomene antreten zu können, auf deren Entstehungsbedingungen nicht verzichten. Im Abschnitt Argumentation wird gezeigt, wie er in der Versuchspraxis bemüht ist, diese widersprüchliche Situation aufzulösen.
Auf Erklärungsversuche seiner Beobachtungen verzichtet Schrenck-Notzing und unterstellt in positivistischer Tradition einen wissenschaftshistorischen Zusammenhang seiner Phänomene mit naturwissenschaftlicher Entwicklung.

Der heutige Spiritismus steht zur künftigen Wissenschaft (sic!) mediumistischer Vorgänge in demselben Verhältnis , in welchem die Astrologie zur Astronomie, die Alchemie zur Chemie stand. 7

Mit Spiritismus bezeichnet Schrenck-Notzing jene Tradition der mediumistischen Séancen, bei denen noch unerklärliche Phänomene produziert werden, die aber von Betrug und Leichtgläubigkeit gewissermaßen verunreinigt sind. 8 Für ihn kennzeichnet sich die spiritistische Tradition dadurch, dass in dieser angenommen wird, die Phänomene verdankten sich dem Einfluss von Geistern. Schwebende Tische, Rapporte – das Herbeibringen von entfernten Gegenständen – und Klopfsignale seien Zeichen aus dieser Parallelwelt. Schrenck-Notzing hingegen schreibt die Entstehung der Phänomene einer physikalischen Kraft zu. Die bislang allerdings noch verborgen ist – und sich unglücklicherweise auch nur unter Zuhilfenahme spiritistischer(!) Praktiken nachweisen lässt. Erwägungen zum Wohlbefinden des Mediums im Hinblick auf die richtige Umgebungsbedingungen (vor allem die Helligkeit im Raum) nehmen im Werk breiten Raum ein.

Worum kreisen die Kontroversen zu den Materialisationsphänomenen? Das Buch dokumentiert auf 500 Seiten vier Serien mediumistischer Sitzung mit dem französischen Medium Eva C., deren wirklicher Namen – Marthe Beraude – bis zum Nachfolgewerk Kampf um die Materialisationsphänomene von Schrenck-Notzing verschwiegen wird. 9 Die erste Sitzung begann am 21. Mai 1909, die letzte wurde am 3. Juni 1913 abgehalten. Es folgten noch einige Sitzungen ohne Schrenck-Notzing im August.
Mit Regelmäßigkeit und, wie Schrenck-Notzing immer wieder konstatiert, in Abhängigkeit vom energetischen Zustand des Mediums – seelische Belastungen oder körperliche Krankheiten senken die Fähigkeiten der Eva C. – produziert das Medium ihre Phänomene. 10 Die anfangs 23-Jährige scheidet in den Sitzungen einen von Schrenck-Notzing als Teleplasma bezeichneten Stoff aus.
Die Serien finden an vier unterschiedlichen Orten statt: In zwei großen Wohnungen in Paris, im Atelier des Arztes in München und einer von der Familie Bisson im französischen St. Jean de Luz angemieteten Villa. 11 Die Rolle der Juliette Bisson, von Beruf Bildhauerin, ist besonders hervorzuheben: Bereits als Schrenck-Notzing das junge Medium erstmals traf, bildete sie eine mediumistische Einheit mit ihrer jungen Protegé. Bei keiner Sitzung fehlte die Madame – im Gegenteil. Die "erfolgreichsten" Sitzungen (wobei die Manifestationen vollständiger Figuren gelangen) leitete Madame Bisson allein. Trotzdem geht der Münchner Arzt sogar in seinen kritischen Schlussbetrachtungen nicht näher auf die Rolle der häufig als Beschützerin bezeichneten Frau ein. Er schreibt ihr allerdings durchweg eine ebenso wissenschaftlich-kritische Haltung zu, wie er sie für sich selbst in Anspruch nimmt.
Es scheint mir charakteristisch für die okkulte Argumentation zu sein, diese wohl für die Erscheinung Eva C. zentrale Figur der Madame Bisson in den Materialisationsphänomenen nicht kritisch zu betrachten. Die kritischen Betrachtungen Schrenck-Notzings konzentrieren sich fast ausschließlich auf das Medium selbst. Statt anzunehmen, dass es sich bei Bisson um eine Komplizin handelt – für diese Kritik bringt der Autor kurioserweise sogar Verständnis auf –, wird ihr, in seinen Augen wissenschaftliches Erkenntnisinteresse schlichtweg behauptet! 12

Mit Begeisterung statt Skepsis stellt der Okkultist zudem abschließend fest, dass es dem Medium gelingt, im Verlaufe der unterschiedlichen Sitzungsreihen immer komplexer werdende teleplasmatische Gebilde zu produzieren. Dies mündet im Deutungsmuster Ideoplastik. Nach Ausführungen Schrenck-Notzings ist dies ein zweigeteilter Prozess: Zunächst Evas Fähigkeit der psychophysischen Emanation der teleplasmatischen Grundsubstanz, die dann im Prozess der Ideoplastik nach Gedanken des Mediums geformt wird. 13 Dabei nimmt Schrenck-Notzing an, dass sich Unterbewusstes in den Form einprägt. Dem Autor war mit den Theorien Sigmund Freuds, darauf verweist Eberhard Bauer, sehr vertraut und galt als einer der frühesten Verfechter seiner Tiefenpsychoanalyse. Schrenck-Notzing forschte zudem auf diesem Gebiet und wurde hier offensichtlich von der wissenschaftlichen Gemeinschaft ernst genommen. 14 Das Unterbewusst wird auch bei seiner argumentativen Abarbeitung der Betrugsvorwürfe eine Rolle spielen.

Geht man nicht davon aus, dass es tatsächlich im physikalischen Sinne Teleplasma gibt, das vom Medium zunächst einfach erzeugt und später umgeformt wird, bleibt die Frage: Warum verändern sich die Erscheinungen überhaupt? Krauss versteht den Wandel der Phänomene, ebenso wie Schrenck-Notzing, als einen Lernprozess der Mediums.

Zuvor waren immer wieder schleierartige Fetzen von weißlichgrauer Farbe und amorpher Substanz zu erkennen gewesen. [. . .] Schon fünf Wochen später jedoch hatte sich die Leistung von Eva C. erkennbar verbessert." 15

Fragt man medientheoretisch und nimmt in den Blick, dass Schrenck-Notzing eine Strategie zum evidenten Nachweis der Phänomene verfolgt, erscheint die Steigerung als eine zunehmend bessere fotografische Verschlüsselung der okkulten Diskurse. Das enge Arbeitsverhältnis zwischen Medium, "Beschützerin" Bisson und dem Forscher selbst führte zu einer zunehmenden okkulten Kompetenz des Mediums selbst. Wie auch immer konkret im Kabinett ausgeführt; es gelang immer besser, die Phänomene auf die fotografische Platte zu bringen. Und so okkulte Realität zu produzieren. Das ist der eigentliche Kern: die Fotografie wies für Schrenck-Notzing die Materialisationen als existent nach. Dabei produzierte genau dies okkulte Diskurse.
Doch anders als in der spiritistischen Tradition der indirekten, magischen Nachweises der Realität von Geistern in der Mitte des vorherigen Jahrhunderts, produzierte man stattdessen nun außerhalb des Apparats die okkulte Realität. Eine Manipulation der Platten verbot sich, da bereits zu zahlreiche Möglichkeiten der Manipulation bekannt waren. Viele beherrschten die fotografische Technik mittlerweile.

1Fischer bezeichnet ihn sogar als Nervenarzt, während sich Schrenck-Notzing selbst als praktischer Arzt bezeichnet.
2 Loers, Veit und Witzmann, Pia: Münchens okkultistisches Netzwerk. In: Henderson, Linda und Loers, Veit: Avantgarde und Okkultismus: von Munch bis Mondrian 1900 - 1915, Ostfildern 1995, S.
3 Bauer, Eberhard: Spiritismus und Okkultismus. In: Henderson, Linda und Loers, Veit: Avantgarde und Okkultismus: von Munch bis Mondrian 1900 - 1915, 1995, S., S. 75
4 Loers, Veit und Witzmann, Pia: Münchens okkultistisches Netzwerk. In: Henderson, Linda und Loers, Veit: Avantgarde und Okkultismus: von Munch bis Mondrian 1900 - 1915, Ostfildern 1995, S., S. 239
Der Zeitgenosse Franz Blei charakterisiert Schrenck-Notzing mit dem er in München im Kreise einiger Schriftsteller zusammentrifft, zudem als geltungsbedürftig. Er hat weder als Arzt noch als Gelehrter jenes Ansehen, das sein nicht geringer Ehrgeiz verlangte. Er führte ein großes Haus, aber eine kleine Praxis. .Blei, Franz: Erzählung eines Lebens. Leipzig 1930, S. 403f
5Vergleiche Abschnitt ebenda
6 Schrenck-Notzing, Albert Freiherr von: Materialisationsphänomene. Ein Beitrag zur Erforschung der mediumistischen Teleplastie. München 1914, S. 15
7 Schrenck-Notzing, Albert Freiherr von: Materialisationsphänomene. Ein Beitrag zur Erforschung der mediumistischen Teleplastie. München 1914, S. 16
8 ebenda, S. 27
9 Krauss, Rolf H.: Jenseits von Licht und Schatten: die Rolle der Photografie bei bestimmten paranormalen Phänomenen - ein historischer Abriß. Marburg 1992, S. 162 Erst im Kampf um die Materialisationsphänomene, das noch im gleichen Jahr erscheint, gibt Schrenck-Notzing ihren Namen Preis.
10 Schrenck-Notzing, Albert Freiherr von: Materialisationsphänomene. Ein Beitrag zur Erforschung der mediumistischen Teleplastie. München 1914, S. 24
11 ebenda, S. 30
12 ebenda, S. 487
13 ebenda, S. 504ff
14 Moll, Albert: Psychologie und Charakterologie der Okkultisten. Frankfurt a.M. 1929, S. 16
15 Krauss, Rolf H.: Jenseits von Licht und Schatten: die Rolle der Photografie bei bestimmten paranormalen Phänomenen - ein historischer Abriß. Marburg 1992, S. 161
Erstellt am: 4. März 2005, generiert: 17:01 Uhr. Ver: 1.0 Valid: XHTML | CSS