Die Fotos der Untersuchungen
Bereits die Anzahl der Bilder – das Titelblatt weist 150 Abbildungen aus –, verschafft dem Buch Materialisationsphänomene eine herausragende Stellung in der okkulten Literatur. Während anfangs nur Zeichnungen einen optischen Eindruck der Sitzungen geben, ist ab 1910 jedes erfolgreiche Phänomen auf filmische Platten gebannt. Im Folgenden möchte ich auf die Einbindung der Fotografien in die Berichte schauen.
Technisch und mediale Kompetenz
Schrenck-Notzing kennt sich mit der Fotografie technisch aus. Erkennba ist dies daran, dass er die technologisch recht junge Blitzlichtfotografie einsetzt und sich der Möglichkeit einer Manipulation der Platten bewusst ist.
Eingangs nennt er sogar, um eine Nachprüfbarkeit zu gewährleisten, jene photochemischen Entwicklungsanstalten, welche die Platten entwickelten.
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Zudem habe er die Platten stets "eigenhändig" in die Apparate gelegt.
Dass ihm die Retouche nach Veröffentlichung des Buches vorgehalten wird, antizipiert der Autor: Am Ende druckt er das Gutachten des Leiters der graphischen Kunstanstalt von Hamböck ab, in dem festgestellt wird, dass es keine Hinweise auf eine erneute Disposition gebe.
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Fritz Müller, Leiter der Kunstanstalt, weist zudem alle Möglichkeiten einer manuellen Nachbearbeitung zurück. Wunschgemäß bestätige ich dem Verfasser gerne, daß die photgraphischen Negative zu dem vorliegenden Werke technisch absolut einwandfrei hergestellt sind.
Das Programm des Automaten Fotoapparat wurde also ohne Fremdeinwirkungen beendet. Schrenck-Notzing bemüht sich nachzuweisen, dass der Apparat von der Belichtung der Platte, über deren Entwicklung bis zur Reproduktion des Abzuges, des Positives keine Manipulation erfahren hat und so tatsächlich die Realität abbildet. In medientheoretischem Vokabular: Er nimmt das Foto also als ein Analogon der Wirklichkeit in Anspruch.
Dies spricht dafür, dass in den Diskursen um die Fotografie mediumistischer Phänomene die Erinnerung an die Anfänge noch lebendig ist.
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Mumlers unsichtbare, aber fotografierbare Geister sind noch nicht vergessen!
Was ist auf den Fotografien zu sehen? Hier setzen die Kontroversen um das Werk an und erzeugt jene heftigen Reaktionen, die ansatzweise unter Kontroversen beschrieben sind. Denn Schrenck-Notzing folgt den Bilder nicht beschreibend – er verpackt sie in die Begrifflichkeiten der okkult-mediumistischen Diskurse.
Bilder als Beweis der Realität von Teleplasma
Aus der Menge der Bilder, die größtenteils vom gleich Typus sind und ähnliche Phänomene zeigen, habe ich hier drei herausgegriffen, von denen ich denke, dass sie für ihren Einbezug in die Argumentation prototypisch ist.
Abbildung 1: Aus Schrenck-Notzing, Materialisationsphänomene, S. 167.
Auf der rechten Schulter liegt ein wie ein dickes, weißes Tuch aussehende, breite, bis zur Mitte der Brust herunterhängende Masse. Über ihrer Schulter am Ärmel sieht man eine flache, weiße Hand mit vier deutlich gekennzeichneten Fingern [. . .] Der ganze Handrücken ist deutlich zu sehen; die Größenverhältnisse sind richtig getroffen.
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Bezeichnend ist der Übergang von Beschreibung zu Ausdeutung: Während das Foto Schrenck-Notzing zufolge zunächst etwas wie weißes Tuch zeigt, ist gleich klar, dass es sich um Masse, also Teleplasma handelt. Abbild und Realität werden stillschweigend gleichgesetzt.
Zu sehen ist tatsächlich nur eine weiße Fläche, die keinen Rückschluss darüber zulässt, welcher Gegenstand vor der Linse die entsprechenden Einwirkung auf die fotographische Platte gehabt hat. Ausgeschlossen ist nur, dass das Negativ nicht manipuliert worden ist; die chemischen Veränderungen resultieren aus Licht, das von Gegenständen vor der Kamera reflektiert worden ist.
Und trotzdem sieht man, so der Okkultist, eine Hand! Nicht nur das: sogar eine Hand aus Teleplasma. Um eine derartige Beschreibung abgeben zu können, muss bereits vorab Wissen des Autors vorhanden gewesen sein, wie Teleplasma, oder wie Ochorowicz es nennt, Ectoplasma auszusehen hat.
Betrachten wird dies kurz kritisch aus der hier im Abschnitt "Fotografie als semiotisches Zeichen" dargestellten Perspektive: Die Diskurse und Begriffe der okkulten Forschung, exakter: des Mediumismus, in deren Kontext das Buch erscheint, bestimmen hier die Konnotation des Bildes. Zudem prägt der Kommunikationsumstand, also die Einbettung der Bilder in die deutende Beschreibung, den Signifikationsprozess.
Höhepunkte
Am 21. August 1911 gelang Schrenck-Notzing eine spektakuläre Aufnahme: Eva C. produzierte sofort nach Beginn der Sitzung ein faustgroßes Stück Gewebe, das seine Lage veränderte und zu einem dünnen Faden gerann. Schrenck-Notzing bittet das Medium, den Faden berühren zu dürfen, worum er sich schon vorher oft bemüht hatte. An diese Tag gestattet es ihm das Medium und verlängert den langen Faden in die darunter von Schrenck-Notzig offen gehaltene Hand. Diese hält Madame Bisson von unten offenbar fest. Das Bild zeigte, wie sich das untere Fünftel des "Teleplasma"-Fadens in der Hand des Arztes eine leichte Kurve beschreibt.
Der Autor und Madame Bisson haben währenddessen körperlichen Kontakt zum Medium, doch das Kabinett bleibt mit den schwarzen Vorhängen verdeckt. Ihre Hände umklammerten den Vorhang und der Kopf war von Zeit zu Zeit sichtbar.
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Immer wieder hatte Schrenck-Notzing vorher den Wunsch geäußert, das Gewebe berühren zu können. Der Versuch realisiert ein längst gewünschtes Experiment.
Und produziert zugleich ein Bild, dessen Realitätscharakter äußerst überzeugend wirkt. In der Logik der teleplasmatischen Produktion, die ja nur einen Teil mediumistischer Fähigkeiten ausmacht, reagieren die Stoffe aus einer anderen physikalischen Welt auf Licht und mechanische Einwirkungen. Die Abbildung einer Berührung und nicht der bloße Bericht von einer solchen, werden daher als Höhepunkt, als besonderer Erfolg gewertet.
Im Moment der Aufnahme gelang es, dass Teleplasma gewissermaßen dingfest zu machen. Dennoch gilt wie bereits beim ersten Bild: Zu sehen ist nur etwas, das interpretationsbedürftig ist. Es stellt sich keine Realität einfach abbildend dar.
Damit ist die Dramaturgie der Sitzungen nicht am Ende angelangt.
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Zweifelhafte Superlative
Während der Sitzungen im Dezember 1912 und im Januar 1913, also kurz vor den letzten Sitzung ist das Medium Eva C. auf dem Höhepunkt ihres Könnens. Ihr gelingen die beeindruckendsten teleplasmatischen Produktionen.
Abbildung 3: Aus Schrenck-Notzing, Materialisationsphänomene, S. 378.
Abbildung 4: Aus Schrenck-Notzing, Materialisationsphänomene, S. 392.
Die Kontrollen des Experimentators fehlen zudem beinahe völlig: Das Medium ist nackt, womit in den Augen Schrenck-Notzings ein Betrug (etwa durch einbringen von Stoffen mit der Kleidung) ausgeschlossen ist. Das Phänomen in Abbildung 1 entwickelt sich, während die Hände am Vorhänge bleiben: Manipulation ausgeschlossen. Der Vorhang bleibt offen.
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Madame Bisson führt diese Sitzung allein durch, Schrenck-Notzing übernimmt ihren Bericht offenbar unkritisch. Das lässt Vermutung darüber zu, wer sich als die eigentliche okkulte Kapazität herausstellt. Vergegenwärtigt man sich, dass die Fähigkeiten des Mediums stets ansteigen, bei zunehmender Kontrolle durch die Experimentatoren, wird deutlich, dass das okkulte Arbeitstrio immer erfolgreicher die Realität der okkulten Phänomene produziert. Und zwar nicht gegen die objektive Feststellung durch das Fotos, sondern vielmehr im engen Zusammenspiel mit dieser. Am Ende sind Eva C. und Juliette Bisson am besten in der Lage, mediumistische Phänomene zu produzieren und im okkulten Diskurs teilzunehmen. Und zwar durch ihre im Laufe der Experimente erworbenen Kompetenz mit dem Medium Fotografie. Es ist da eigentlich zentrale Stück der Notzingschen Strategie zur Erlangung von Evidenz.
Abbildung 5: Aus Schrenck-Notzing, Materialisationsphänomene, S. 379.
Dennoch werden die Tricks etwas zu plump: Abbildung 6 überzieht die Möglichkeit einer okkulten Interpretation deutlich. Zu nah liegt eine andere Interpretation. Schrenck-Notzing lässt das Portrait vergrößern, schneidet es aus und faltet es entlang der sichtbaren Linien, wobei er feststellt, dass diese einem Faltmuster entsprechen.
Abbildung 6: Aus Schrenck-Notzing, Materialisationsphänomene, S. 406.
Nach diesem Befund darf es als erwiesen angesehen werden, daß teilweise zusammengelegte und in der Sitzung aufgefaltete Portraits auf [. . .] Papier in den Sitzungen vorgezeigt werden.
Doch zusammengenommen, kann nicht daran gezweifelt werden, dass Schrenck-Notzing die Realität seiner Phänomene mit allen argumentativen Mitteln nachweisen möchte: Argumentation.
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